Buchrezension: Jean-François Jonvelle – Alle meine Lieben

Meine erste Buchrezension möchte ich dem ältesten meiner Fotobände widmen:

Jean-François Jonvelle – Alle meine Lieben

Das Buch gehört sicher nicht zu den Werken, die durch ihre Verarbeitungsqualität zu den Schmuckstücken im Regal zählen. Diesbezüglich ist es eher von durchschnittlicher Qualität. Aber dennoch wusste ich seinerzeit bereits nach kurzem Durchblättern, dass dieses Buch in meinen Besitz übergehen muss. Und so erfreue ich mich seit über einem Vierteljahrhundert immer wieder an diesem Buch.

Doch nun der Reihe nach. Mit rund 31 * 23 cm hat es ein durchaus übliches Fotobuchformat, allerdings wirkt die Dicke des Buches mit nur rund eineinhalb Zentimeter doch recht spärlich.
Der Pappeinband ist stabil und weist als Besonderheit den geprägten Namen des Fotografen auf. Der Hochglanzschutzumschlag zeigt auf Vorder- und Rückseite je eine vollformatige Aufnahme, die bereits sehr gut erahnen lassen, welche Art von Fotografien in dem Buch wohl verborgen sind.

Das Vorwort ist von Bernard Chapuis, einem Journalisten und Freund Jonvelles. Er erzählt darin von dem Menschen und vom Fotografen Jonvelle und er beschreibt dessen Arbeit und dessen Philosophie. Ich denke, es lohnt sich durchaus das Vorwort zu lesen, bevor man sich die Fotos ansieht. Das Lesen stimmt einen gut auf das Folgende ein und schafft die nötige Ruhe, die man dem Buch unbedingt gönnen sollte.

Auf knapp einhundert Seiten folgen dann ausschließlich Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus Zeiten der analogen Fotografie in überwiegend ganzseitigem Format. Die Fotoseiten sind durchweg in seidenmattem Druck, der den analogen Charakter der Fotos positiv betont.

Und nun zu dem, was das Buch ausmacht – den Fotos. Studioshootings mit Models in teuren Dessous und in aufwendigen Arrangements sucht man in dem Buch vergebens. Ebenso Fotos, die einfach nur die Nacktheit der Frau in den Vordergrund stellen. Und das ist auch gut so.
Mit wenigen Ausnahmen zeigen die Fotos junge, attraktive Frauen, die mehr oder minder unbekleidet sind, und das wenige, was sie anhaben, ist eher recht unspektakulär – mal nur einen Pullover oder ein einfaches Unterhemd, mal einen Alltagsslip oder auch nur eine simple Turnhose. Jonvelle “erwischt” seine reizvollen Motive in zum Teil sehr alltäglichen Situationen und Posen – beim Haarewaschen, beim Zähneputzen, beim Naseputzen, beim Fingernägellackieren oder beim Kramen im Reisekoffer. Als Orte der Geschehnisse findet man Hotelzimmer, Bäder, Küchen, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Zugabteile – eben Orte des alltäglichen Lebens. Die Bilder wirken meist nicht arrangiert, sondern wie die heimliche Beute eines Gelegenheitsdiebes. Dadurch strahlen viele der Fotos Jonvelles eigene “Ästhetik der beiläufigen Erotik” aus. Durch die Natürlichkeit der ungezwungenen Erotik erfährt der Betrachter eine besondere Nähe zu den Fotos, die ihn geradezu dazu zwingt, sich länger mit den Fotos zu befassen. Hierbei schweift der Blick nicht nur über das jeweilige weibliche Hauptmotiv, sondern auch über die gesamte Szenerie des Fotos. Das verleiht dem Betrachter das erwärmende Gefühl, selbst Teil der abgelichteten Situation zu sein, mitunter sogar selbst durch die Kamera zu schauen und den Auslöser zu drücken. Somit sind diese Fotos auch sehr persönliche Fotos, die sich deutlich von dem Nackedei-Einheitsbrei abheben. Oder wie der Verfasser des Vorwortes Bernard Chapuis es beschreibt: “Die Photos von Jonvelle erklären nichts, sie sagen alles – alles was es im Inneren gibt.

Anmerken möchte ich auch, dass das Buch nicht nur über 30 Jahre alt ist (das Original ist in Frankreich bereits 1983 erschienen), sondern die Fotos weit bis in die Siebzigerjahre zurückreichen. Daher haben natürlich die abgelichteten Frauen auch noch zum Teil sehr viele Haare in den Körperregionen, in denen heutzutage – nicht, weil die Evolution es fügte, sondern, weil es wohl dem heutigen Zeitgeist entspricht – nicht das kleinste Härchen mehr zu sehen ist. Das kann bei einigen (insbesondere jüngeren) Betrachtern zu einer Irritation der ästhetischen Wahrnehmung führen. In meiner Wahrnehmung stellt dies eine weitere Betonung der Natürlichkeit der Fotos dar.

Wie in den allermeisten Bildbänden gibt es in diesem Buch auch Fotos, die nicht den Nerv eines jeden Betrachters treffen. Einige der Fotos, z.B. die, die Paare zeigen, sind nicht unbedingt jedermanns Geschmack. Ferner spiegelt ein gutes Drittel der Fotos nicht den oben beschriebenen Stil wider. Es ist nicht so, dass diese Fotos als missglückt bezeichnet werden müssten, aber sie haben eben nicht diesen besonderen Charme der zufällig eingefangenen Erotik.

Auch wenn nicht jede Aufnahme des Buches das Zeug zu einem emotionalen Meisterwerk hat, so sind doch die meisten Fotos eine Inspiration. Und das genau war der Grund, warum ich seinerzeit das Buch unbedingt kaufen musste. Und ich würde es wieder tun. Und es wäre immer noch eines meiner liebsten Fotobücher.

Fotograf: Jean-François Jonvelle
Titel: Alle meine Lieben
Vorwort: Bernard Chapuis
Verlag: SWAN Buch-Vertrieb GmbH, Kehl
Erscheinungsjahr: 1985
Sprache: Deutsch
Auflage: 1. Auflage
Format: ca. H: 31,0 cm, B: 23,6 cm, D: 1,4 cm
Seitenanzahl: 106 Seiten
ISBN-10: 3-88230-024-8
ISBN-13: 978-3882300246

Web-Site von Jean-François Jonvelle: www.jonvelle.com