Auch eine Polaroid-Kamera

Ich wollte schon immer mal eine “Camera obscura” ausprobieren. Nun ergab es sich, dass ich unlängst im Internet eine Lochkamera entdeckte, die für die Verwendung von Polaroid-Packfilm-Kassetten (Typ 100) konstruiert wurde. Das war genau das, was mir noch fehlte. Da sich erfreulicherweise der Preis für die Lochkamera nicht auf einem schmerzvollen Niveau befand, bedurfte es nur wenige Momente Bedenkzeit für die Kaufentscheidung. Ein paar Mausklicks später war dann auch ein neues Kapitel in meinem Polaroidtagebuch eröffnet und einige Tage später konnte ich bereits das neue Spielzeug in den Händen halten.

Die Lochkamera wurde von Gezim Fisheku (ein in Griechenland lebender Albaner) konstruiert und gefertigt. Die Kamera ist sehr präzise und solide verarbeitet und weist folgende Parameter auf:

  • Bildweite (Länge der Lochkamera): 52 mm
  • Blendenöffnung (Lochgröße): 0,2 mm
  • Blendenzahl (effektive Lichtstärke): 260

* * *

Natürlich musste ich die Kamera sofort ausprobieren. Aufgrund der ermittelten Belichtungszeit von 4 Sekunden musste ich natürlich “ruhende Objekte” für meine ersten Versuche wählen. Geeignete Motive fand ich dann auch schnell im Garten.

Ein passender Film war natürlich auch sofort zur Hand: Ein Fujifilm FP-100C Silk (100 ASA).

Also, Kamera mit Augenmaß (und Unterstützung der kleinen Dosenlibelle an der Oberseite der Kamera) ausrichten, Deckel ab … 21 … 22 … 23 … 24 …. Deckel drauf. Film aus der Filmkassette herausziehen, 2 Minuten Entwicklungszeit abwarten. Fertig.

Und hier ist das erste Foto, aufgenommen mit meiner neuen “Fisheku-Lochkamera”:

Eine zweite Aufnahme folgte unmittelbar: Eine Nahaufnahme im Gegenlicht.

Zwei wunderbare Fotos, die unbedingt Appetit auf mehr machen!

Ach ja, verglichen mit dem Foto einer Digitalkamera, lässt sich feststellen, dass die Kleinbild-Äquivalent-Brennweite ungefähr 20 mm entspricht.

_ __ ___ ____ _____ ______ _____ ____ ___ __ _

Backgammon

Ich hatte große Lust auf eine Partie Backgammon. Leider war niemand da, der mit mir spielen wollte. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit mir selbst zu spielen – wie auf dem folgenden Bild zu erkennen ist.

Natürlich weiß jeder, der mich kennt oder den einen oder anderen Artikel auf diesem Blog gelesen hat, dass es hier nicht Backgammon geht, sondern um das Thema Fotografie im Allgemeinen und Polaroid im Besonderen.

Vor ein paar Tagen habe ich in meinem Schrank in einer Kiste gewühlt, die randvoll ist mit Fotozubehör aus den Zeiten meiner analogen Kleinbild-Spiegelreflex-Fotografie. Da fielen mir doch ein paar äußerst interessante Teile in die Hände, die zwar für die heutige digitale Fotografie absolut überholt sind (weil die damit erzielbaren Effekte leichter am PC realisiert werden können), aber für einen Teil meiner geliebten Polaroidkameras sinnvoll nutzbar sein könnten.

Für meine Spiegelreflexkamera “Minolta XD7″ hatte ich mir seinerzeit das “Cokin Creative Filter System” (in der Größe A) gekauft. Dazu die Filterscheibe “Sepia” (Nr. 005) (für die Tönung von Farbfilmen in Sepiaton), das Sortiment “Pre-shaped Frames” (Nr. 397) (mit Formmasken in den Formen Kreis, Ellipse, Herz, “Schlüsselloch” und “Fernglas”) und den Vorsatz “Double Exposure” (Nr. 346) (für die Doppelbelichtung von Aufnahmen).

Ein passender Adapter für das Filtergewinde war online schnell gefunden und auch ebenso schnell bestellt. Und so war das System auch einen Tag später schon einsatzbereit.

Für meine erste Aufnahme mit dem Cokin Filtersystem entschied ich mich für den Vorsatz “Double Exposure”.

So sah dann das Setup der Kamera aus:

Als Kamera kam die Polaroid 180 zum Einsatz, als Film der Fujifilm FP-100C (Glossy).

Natürlich befindet sich die Kamera auf einem Stativ, da ja die gleiche Aufnahme zweimal belichtet werden sollte und Bewegungen zwischen den Aufnahmen vermieden werden müssen.

Da ich nicht nur das Motiv war, sondern auch der Fotograf, nutzte ich für die Auslösung der Aufnahmen einen mechanischen Timer vom Typ “Polaroid Self-Timer #192″ (zu sehen im Bild oben links, auf der Kamera).

Auf das Objektiv aufgesetzt ist das Filter-System von Cokin mit dem eingesetzten Vorsatz “Double Exposure”. In dieser Anordnung ist die rechte Seite der Aufnahme abgedeckt und die linke Seite kann belichtet werden. Für die zweite Aufnahme dreht man das gesamte System einfach um 180 Grad. So wird die Aufnahme vertikal in zwei gleiche Teile geteilt.
Natürlich ließe sich die Aufnahme auch horizontal oder diagonal teilen.

Nun, wer die Polaroidaufnahme genau ansieht, der erkennt natürlich die Geisterbilder in der Bildmitte. Das bedeutet, dass die Trennung der Aufnahme mit dem Vorsatz “Double Exposure” an dieser Kamera nur bedingt funktioniert. Die Geisterbilder verschwinden zwar zu den Rändern hin an der rechten und linken Seite, aber in der Mitte ist doch ein recht großer Bereich, in dem die Geisterbilder deutlich zu erkennen sind. Ca. 50 % der Bildbreite werden in der Mitte doppelt belichtet, sodass eben solche Geisterbilder entstehen. Nur je ca. 25 % der Bildfläche werden auf der rechten und linken Seite gut von dem Vorsatz abgeschattet.

Auch wenn der Effekt nicht perfekt funktioniert, so stellt das System für meine alten Polaroidkameras doch eine charmante Bereicherung dar.

_ __ ___ ____ _____ ______ _____ ____ ___ __ _

Ein paar Gedanken zur Polaroid-Fotografie

Meiner Meinung nach ist die Polaroid-Fotografie die authentischste Fotografie überhaupt – kein “Tricksen” im Labor (wie zu Zeiten der analogen Fotografie) oder kein “Photoshoppen” am PC (wie eben heutzutage). Das Foto entsteht erst im Kopf und dann in der Kamera … und dann ist es auch schon fertig. Ein unveränderliches Original!

(Angie 01.07.2012; Polaroid 600 SE mit Mamiya 127mm, F4.7; Film Polaroid 100 Sepia)

Ferner verleiht, je nach verwendetem Filmtyp, die an heutigen Maßstäben gemessene mangelhafte technische Brillanz dem Foto einen besonderen Charme. Diese Quasi-Abkehr von technischen Parametern fördert geradezu die Betrachtung der Bildaussage eines Fotos. Motiv und Bildkomposition erlangen so wieder einen höheren (und meines Erachtens den wahren) Stellenwert. Dazu kommt, dass es, insbesondere mit einer komplett manuellen Kamera (wie z.B. die 180, die 195 oder 600 SE), ein regelrechtes Fest ist, damit zu arbeiten. ISO-Wert am Belichtungsmesser einstellen, Belichtung (mehrfach und an verschiedenen Stellen des Motivs) messen, Blende einstellen (nach Licht und gewünschter Tiefenschärfe), Zeit einstellen, Perspektive wählen, Bildausschnitt wählen, Scharfstellen, auslösen …. (nervös auf die Uhr schauend) Entwicklungszeit abwarten, (beim Trennbildfilm) Entwicklungspapier von der Aufnahme gefühlvoll ablösen …. und dann die Emotionen erleben: Totale Enttäuschung über ein misslungenes Bild oder pure Freude über ein geglücktes. Wie gesagt, ein Fest (das zelebriert werden will)!

Übrigens, das Interessante an der Polaroid-Fotografie im Zeitalter der digitalen Fotografie ist, dass man früher, zu analogen Zeiten, Polaroids geschossen hat, bevor man mit der analogen Kamera (z.B. Mittelformat) die Aufnahme machte. Man wollte, bevor der Film der “Hauptkamera” letztlich belichtet und entwickelt wurde, eine Aufnahme haben, um das Arrangement und das Licht vorher zu prüfen. Heute ist das umgekehrt. Polaroid-Filme kosten eine Stange Geld, und bevor man eine Aufnahme vermurkst und so bares Geld vergeudet, nimmt man besser die Digitalkamera in die Hand und schießt zur Sicherheit vorher die eine oder andere Probeaufnahme, und überprüft anhand derer die Kameraparameter.

Auch die Fotografie mit den Integralfilm-Kameras hat ihren ganz besonderen Charme.

(Schaufensterpuppen in Düren, 04.02.2012; Polaroid 636 Closeup; Film Impossible PX680; Dieses Foto ist auch im “Poladarium 2013″, Kalenderblatt 7. Juli 2013, enthalten; www.poladarium.de)

Für die meisten Polaroid-Enthusiasten ist die faltbare SX-70 die einzig wahre Polaroid-Kamera. Der Generation 40+ dürften noch die Nachfolgeentwicklungen – die “Polaroid-Plastik-Bomber” – in bester Erinnerung sein, die einem das unfertige Foto mit einem unverwechselbaren Klack- und Motorengeräusch aus der Kamera zauberten. Der daran anschließende mehrminütige und beobachtbare Prozess der Entwicklung des Fotos sorgte immer wieder für ein großäugiges Staunen.

Es waren gerade die Polaroid-Schnappschüsse, die an Pinnwänden und Kühlschränken hingen und so zu bildgewordenen Erinnerungen wurden. Technische Perfektion spielte seinerzeit keine Rolle, sondern nur die sofortige Verfügbarkeit des Fotos und der damit eingefrorene Moment, an den es sich zu erinnern galt. Der breitere untere Rand des Fotos ermöglichte auch noch, sofort eine zusätzliche Information zum Foto zu vermerken … oder mit frisch aufgezogenem Lippenstift, die Liebe zu bekunden.

Original-Polaroidfilme werden zwar nicht mehr hergestellt, aber es ist großartig, dass es mit “Impossible” (Integralfilme Typen Image/Spectra und 600) und “FujiFilm” (Trennbildfilme Typ 100) zwei Hersteller gibt, die auch weiterhin die Polaroid-Fotografie am Leben halten. Und von FujiFilm gibt es sogar neue und moderne Sofortbildkameras mit neuen Filmtypen.

Kleine Anekdote am Rande zu meinen ersten Erfahrungen mit meinen Polaroid-Schmuckstücken. Als ich die Polaroid 600 SE nach erfolgreicher ebay-Ersteigerung endlich in den Händen hielt, brannte ich natürlich darauf, die ersten Fotos damit zu schießen. Einen Film hatte ich schon besorgt. Also, ab in den Garten und schnell das erstbeste Motiv anvisiert – ein paar Tulpen.

(Tulpen 03.04.2012; Polaroid 600 SE mit Mamiya 127mm, F4.7; Film FujiFilm FP100C)

Und wie oben beschrieben: Belichtung, Zeit, Blende, Schärfe, Bildausschnitt, Auslösen, Warten … und dann: Kein Bild! Klar, eine Polaroid mit Sucher (Rangefinder / Viewfinder) ist keine Spiegelreflexkamera, bei der im Sucher das Motiv durch das Objektiv zu sehen ist, und auch keine kompakte Digitalkamera, die das Bild durch das Objektiv auf dem Display anzeigt. O.K., Objektivdeckel runter und auf zum zweiten Versuch. Und wieder Belichtung, Zeit, Blende, Schärfe, Bildausschnitt, Auslösen, Warten … und erneut: Kein Bild!!! Tja, woran lag es dieses Mal? Die Filmkassette liegt in einem von der Kamera abnehmbaren Gehäuse. Das hat den Zweck, dass man zwischendurch den Filmtyp wechseln kann, bevor die Filmkassette mit zehn Aufnahmen komplett aufgebraucht ist. Damit aber bei einem solchen Wechsel die unverhüllt zuoberst liegende Aufnahme nicht unbrauchbar wird, gibt es ein passendes Blech mit einem Griff daran, damit man das Gehäuse komplett verdunkeln kann und so die innenliegenden Aufnahmen geschützt werden. Es empfiehlt sich wirklich, dieses Blech vorher zu entfernen.